avrina1991

Das kleine Mädchen

                      DAS KLEINE MÄDCHEN

 

Zitternd sitzt sie auf ihrem Bett.

Tränen rollen langsam über ihr Wangen doch sie hat keine Kraft mehr die Hand zu heben und sie zu trocknen. Wie eine tödliche Welle wird ihre Seele mit purer Verzweiflung überflutet. Nichts scheint ihr mehr wirklich, nur der lähmende Schmerz den sie in ihrer Seele spürt und von ihr Besitz ergreift.

Langsam fällt ihr Blick auf die Klinge, die noch auf ihrem Nachttisch liegt. Es klebt noch immer Blut an ihr.

Teilnahmslos sieht sie wie ihre Hand nach der Klinge greift. Sie fühlt nichts mehr, ihre Augen sind stumpf und leer. Bald wird es besser, denkt sie.

Langsam, wie in Trance legt sie die Klinge in ihre Hand und fährt mit der Kante langsam über ihren Unterarm. Ein kurzer Schmerz durchströmt ihren Körper und für kurze Zeit wird sie sich ihm wieder bewusst. Sie setzt die Klinge ab und schaut wie das dunkelrote Blut langsam aus der Wunde sickert und lautlos ihren Arm hinunterfließt. Sie schließt ihre Augen und atmet kurz tief durch. Sie ist völlig ruhig, nimmt nichts mehr wahr was um sie herum geschieht.

So soll es sein. Das ist ihre Art zu fühlen, sie will es so. Sie setzt die Klinge zu einem weiteren Schnitt dicht neben dem anderen an und zieht das kalte Metall unter Tränen lächelnd durch ihre weiße Haut. Sofort strömt Blut aus der Wunde doch sie kann nicht warten.

Nach Schmerzen hungernd teilt sie ein drittes Mal die Haut des Körpers den sie so sehr hasst. Sie spürt wie das Blut über ihren Arm rinnt.

Mit leerem, kaltem Blick betrachtet sie die Schnitte. Die tiefen dunkelroten Linien bilden blutigen Kontrast zu ihrer weißen Haut. Das Blut umspielt lautlos die Wunden und es gibt nichts Schöneres auf der Welt.

So vergehen die Stunden und das Mädchen versucht mit jedem weiteren Schnitt vergeblich die Schmerzen ihrer Seele zu töten.

Wieder rinnen Tränen über ihr bleiches Gesicht als sie langsam wie eine Marionette vom Bett aufsteht und sieht wie ihr Körper sich langsam zum Spiegel hinbewegt. Doch dort sieht sie nicht sich selbst. Sie sieht einen Schatten, eine ihr fremde Gestalt mit tränenüberströmtem Gesicht und blutverschmierten Armen. Ein Mädchen das alles ist, was sie niemals sein wollte. So sieht sie es an, wie jemand völlig Fremden, denn sie erkennt sich nicht.

Zitternd streckt sie die Hand aus und berührt den nackten, kalten Spiegel vor sich. Sie hat aufgegeben, keine Kraft mehr zu kämpfen. Sinnlose Suche nach dem was sie früher mal war. Kehrt nie mehr zurück, sie ist ein Schatten ihrer selbst geworden.

Langsam sinkt sie zu Boden und sieht zu wie das Blut auf ihren Armen auf den Teppich sickert.

Sie ist nicht mehr hier, geflüchtet und gelöst vom Körper, endlich Ruhe findend,

denn das ist alles was sie will...



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